Roten Autolack schlecken wie Frauenschenkel? Ein Achtzylinder als Bronzeskulptur? Die Ausstellung „Fetisch Auto“ im schweizerischen Basel widmet sich dem Automobil als Kunst- und Lustobjekt.
Ein Autokörper: Elegant geschwungene Kotflügel verschmelzen mit glänzenden Chromteilen. Wasser perlt am Lack herab. Wer denkt da nicht an – Sex? Zumal Serge Gainsbourg und Jane Birkin zu diesem Bilderreigen ihr betörendes „Je t’aime“ hauchen. Direkt neben der Videoinstallation thronen auf Betonsockeln drei mächtige Achtzylinder-Motoren – im Originalformat zwar, doch ihrer Funktion enthoben als Skulpturen. Drei Schritte weiter auf dem roten Samtteppich räkelt sich hochglanzfotografiert und knapp bekleidet Künstlerin Liz Cohen auf einer Motorhaube. Wen hier keine schwüle Lust überkommt, der sollte in der Werkstatt seine automobile Libido untersuchen lassen.
Das Automobil ist das wichtigste Konsumgut des 20. Jahrhunderts, und nie, auch nicht in den Anfängen, hat sich seine Bedeutung auf die Funktionalität, die Fortbewegung, beschränkt. Immer hat das Auto nicht nur Menschen, sondern auch Status, Träume, ja Ideale befördert. Es ist diese gesellschaftliche Bedeutungsebene, die das Auto zum Objekt der künstlerischen Betrachtung und Auseinandersetzung werden ließ. Einen Auszug aus dieser über hundertjährigen Betrachtung bietet nun das Basler Tinguely-Museum mit der Ausstellung „Fetisch Auto. Ich fahre, also bin ich“. 160 Kunstwerke von 80 Künstlern werden ausgestellt, darunter Arbeiten von Andy Warhol, Robert Frank, Jean Tinguely, Gerhard Richter und Pipilotti Rist.
Den Anfang machten die italienischen Futuristen, die das Auto bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu einer Art von religiösem Fetisch erhoben. In seinem futuristischen Manifest schreibt der Dichter Marinetti 1909: „Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken (…), ist schöner als die Nike von Samothrake.“ Das war – mit Verlaub – ein Tritt in den Arsch der klassischen Kunstgeschichte. Aus heutiger Sicht überraschender war allerdings Marinettis Tritt in den Arsch der Frauen: Dem Loblied auf die Geschwindigkeit folgte das auf „die Verachtung des Weibes“. Autokult, Frauenverachtung und Sexismus – das kennt man doch bis heute!
Allerdings zeigt der Ausstellungsraum „Sexueller Fetisch“, dass hundert Jahre nach dem futuristischen Manifest die quasireligiöse Huldigung des Automobils und seine Überhöhung zum Lustobjekt nur noch lächerlich ist. In seiner Videoarbeit „Dirty Car“ zeigt Franck Scurti, wie ein junger Mann aus seinem roten Roadster steigt, diesen wie eine Dirne lüstern betrachtet und dann mit steigender Lust abschleckt. Igitt! Das Auto als Lustobjekt des Mannes, als Frauenersatz, als Dirne. Wem das zu plakativ ist, der wendet sich den Hochglanzbildern der Künstlerin Liz Cohen zu. Halb nackt posiert sie als Modell auf der Kühlerhaube eines getunten Trabbis. Der Clou: Sie selbst hat sich während des mehrwöchigen Autotunings durch Fitnesstraining „in shape“ gebracht: Autotuning, Körpertuning – dieselbe lachhafte Logik?
Auf jeden Fall scheint sich in hundert Jahren Autokunstgeschichte ein Kreis zu schließen: Während die Futuristen dem Auto huldigten und die Frauen verachteten, ist diese Haltung heute Gegenstand der künstlerischen Satire. Nur die Autoindustrie hat das offensichtlich noch nicht begriffen – bis heute räkeln sich auf Automessen halb nackte Frauen auf den Kühlerhauben dicker Karren.
Tinguely-Museum, Basel. „Fetisch Auto. Ich fahre, also bin ich.“
Noch bis 9. Oktober 2011. www.tinguely.ch
Die Ausstellung besuchte Dr. Christoph Kohler. Er ist freier Journalist und Filmemacher und schreibt unter anderem für die NZZ.


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ja es stimmt . weiter so. mobile plastiken. wasserschöpfer auf rädern. wander hölen und vieles mehr. gruß