Alain de Botton, geboren 1969 in der Schweiz, hat in Cambridge Geschichte und Philosophie studiert. Er ist Autor zahlreicher Bestseller – darunter das Buch „StatusAngst“ – und lebt heute als Schriftsteller, Journalist und TV-Produzent in London. Seine größte eigene Status-Angst? Dass andere Autoren mehr Erfolg haben als er!
Herr de Botton, in England beträgt die erlaubte Höchstgeschwindigkeit 113 Stundenkilometer, das schnellste Serienauto aus England ist dreimal schneller und kostet 1, 4 Millionen Euro. Warum gibt es Protzautos?
Weil der Mensch immer mehr will, als er braucht. Uns geht es heute materiell viel besser als unseren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern. Trotzdem haben wir das Gefühl, wir hätten mehr verdient. Warum? Weil wir uns nicht mit unseren Vorfahren vergleichen, sondern mit unseren Nächsten. Unser historischer oder geografischer Wohlstand allein macht uns eben nicht glücklich, sondern wir wollen so viel wie oder am besten etwas mehr haben als die Leute, mit denen wir verkehren, arbeiten, befreundet sind und uns identifizieren. Deshalb ist es am besten, man sucht sich Freunde, denen es ein ganz kleines bisschen schlechter geht als uns selbst.
Sie schreiben in Ihrem Buch „StatusAngst“, das Protzen mit Statussymbolen entspringe dem Wunsch, „geliebt zu werden“. Erzeugen Menschen mit Protzautos nicht vielmehr Neid und Hass?
Sie erzeugen Liebe und Hass. Hass bei denen, die weniger reich sind, Liebe oder zumindest Respekt bei jenen, mit denen sie sich identifizieren und denen sie imponieren wollen. Normalerweise sind Menschen umso netter zu uns, je größer unser Status ist. Du wurdest gerade befördert? Die Menschen werden dich öfter anlächeln. Du wurdest degradiert? Die Menschen werden dir seltener in die Augen schauen. Und weil wir lieber angelächelt werden, sorgen wir uns um unseren Status. Protzautos sind ein Weg, Selbstvertrauen zu gewinnen. Der Mensch ist nicht gut darin, sich selbst zu respektieren oder sich selbst zu lieben – dazu braucht er Respekt und Liebe anderer. Wir sind wie ein Heißluftballon, der ständig Liebe braucht, um prall zu bleiben, und der beim kleinsten Kratzer abzustürzen droht.
Nehmen wir an, ein Mensch drückt sein Ego mit einem einzigen Produkt aus: einem teuren Auto. Und nehmen wir an, man nimmt ihm dieses Auto weg. Was wäre dieser Mensch dann?
Vom christlichen Standpunkt her wäre er nicht mehr und nicht weniger als vorher. Doch vom kapitalistischen Standpunkt her wäre er zweifellos ärmer: ärmer an Vermögen und ärmer an Respekt.
Sie schreiben, die Status-Ängste hätten seit dem 19. Jahrhundert – also mit der Industrialisierung – zugenommen. Warum?
Die Status-Angst grassiert heute mehr denn je. Der Grund? Nie scheinen die Möglichkeiten, Status durch Sex, Geld, Jobs oder Autos zu erhalten, größer gewesen zu sein als heute. Wir sind permanent konfrontiert mit Storys von Menschen, die es geschafft haben. Das war in der Vergangenheit anders: Für einen Großteil der Bevölkerung galt Bescheidenheit als normal und weise. In Wahrheit ist es heute genauso unwahrscheinlich, so reich wie Bill Gates zu werden, wie es im Frankreich des 18. Jahrhunderts unwahrscheinlich war, als Bauer die Macht des Sonnenkönigs zu erlangen. Deshalb sind wir unzufrieden: Die Welt gaukelt uns vor, wir könnten alles erreichen, aber das stimmt nicht.
Was kann man gegen Status-Ängste tun?
Es gibt fast keinen Ausweg. Höchstens vielleicht eine Reflexion über den Tod. Wenn nötig: Schau dir ein Skelett an! So wirst du bald aussehen, und dann wird es egal sein, was die anderen über dich gedacht haben. Oder denk über Krankheit und wahre Liebe nach! Wer würde wirklich an dein Krankenbett treten, wenn es dir schlecht ginge?
Unter welchen Status-Ängsten leiden Sie?
Ich habe permanent Angst, andere Autoren könnten größere Erfolge feiern als ich!
Die Fragen stellte Christoph Kohler. Er ist freier Journalist, unter anderem für die NZZ und NZZ am Sonntag.


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Autos sind keine guten Schauspieler 

Interessanter Artikel! Ich finde es immer wieder interessant, über Statussymbole nachzudenken und Antworten zu suchen und zu finden. Status-Ängste hat doch jeder Mensch?! In der Schule möchte man kein schlechteres Handy haben, als sein bester Freund, in der Arbeit möchte man mit dem Chef gleichgestellt werden und im alltäglichen Leben möchte man einen “besseren” Partner haben als die der Freunde. Allerdings finde ich es super, dass man zum Nachdenken angeregt wird, was nach dem Tod ist. Also Leute, vergesst euren Porsche in der Garage, denn der pflegt euch sicher nicht, wenn ihr krank werdet!
cooles statement… wir haben echt viel mehr als je eine Generation von Bürgern hatte